Nippon Version 1

X (Japanischer Name) hatte einen langen, harten Arbeitstag hinter sich, wute aber schon nicht mal mehr, was er eigentlich getan hatte. War es wichtig? Es schien so lang zurckzuliegen....

Nun war er wie so oft im Museum, stand in respektvoller Entfernung erneut vor den beiden lebensgroen Statuen, von denen man nur wute, da sie wahrscheinlich einen Knig und seine Gemahlin darstellen sollten. Sie waren keiner Epoche zuzuordnen, muten aber uralt sein und X fragte sich immer wieder, weshalb er es manchmal einfach brauchte, hierherzukommen. Er konnte tausend Orte aufzahlen, die romantischer, schner waren; was trieb ihn gerade ins Museum?

Wenn er versuchte, in den Gesichtern der beiden etwas zu lesen, so konnte er nur sagen, da sie weder schn noch schemenhaft waren, eher natrlich. Whrend der Knig einen sehr neutralen, schwer deutbaren Ausdruck besa, schien die Knigin durch X hindurch in die Ferne zu sehen -sie sah aus, als sei immitten eines schnen Traumes erstarrt ..... Er mochte diese Frau, vielleicht kam er ihretwegen her.

So mute er schon eine Ewigkeit dort gestanden haben, da er die Person gar nicht bemerkte, die leise neben ihn getreten war. "Du bist oft hier, nicht wahr?" Er drehte sich erschrocken nach der Stimme um: Eine kleine, altere Dame mit etwas mden Augen, belustigt ber seine Reaktion. X fiel nicht ein, was er sagen sollte. Aber sie schien es auch nicht zu fordern, so sah er wieder auf die Statuen und fragte nach einer Weile: "Wissen Sie, woher die kommen ... ?" Sofort fiel ihm ein, wie idiotisch diese Frage war, denn woher sollte sie denn das wissen? Aber sie schien darauf gewartet zu haben. "Das ist doch eigentlich unwichtig ... ", meinte sie, fgte aber schnell hinzu", aber sie sind sehr, sehr alt ... " Sie wute alles, wute es einfach! "Was mgen sie erlebt haben?" Da schaute sie wie er auf die Bronzefiguren und meinte mit einem etaws wehmtigen Lcheln: "Es ist die uralte Geschichte von A, der viele Jahre seines Lebens nach der Prinzessin B suchte, und als er sie nach zahllosen Abenteuern endlich fand, da merkte er, da nicht sie es war, was er suchte. Der Knig versank in Gleichmut, und in B's Augen kannst Du selbst heute noch die Enttuschung erkennen .... "

Ja, so war es! X wute, da er die Geschichte kannte! "Kurz nachdem sie Modell gestanden hatten, verschwanden beide" , sagte eine leise, entfernte Stimme. Und er fgte abwesend hinzu: "Ich komme immer wieder hierher zurck ... "

Da ergriff sie seinen Arm, ri ihn zu sich herum und sah ihn aus blitzenden Augen an. "Du mut wieder zurck, Du mut! Fang neu an, finde es endlich! Du warst schon so nahe, und alles kommt wieder! Finde es, und dann bin auch ich frei!" X konnte nicht anders, als in die uralten Augen zu blicken. Er wrde es noch einmal versuchen, er war so mde, aber er war es ihr und sich selbst schuldig. Alles kommt wieder, auch er konnte nur etwas verndern, wenn er zurckging, in den ewigen Kreis eintauchte. X drohte, in ihre uralten Augen zu fallen, sie waren unendlich alte und tiefe Brunnen, saugten ihn auf, riefen ihn zurck. Und er lie sich treiben, fiel in die Tiefen ihrer traurigen Augen hinab, folgte dem Ruf.

Es waren die Augen der Knigin.

Direkt danach beginnt das eigentliche Spiel, wenn er in das letzte Schloss eintritt und die "Lsung" findet, stellt sich heraus, dass es sowas wie eine Lsung gar nicht gibt, dass er ewig weitersuchen wird, Er kommt zurck in seine Zeit oder in eine andere, das ist "unwichtig"(s.o.), Was er allerdings versteht, ist, dass die Lsung, die er sucht, einfach im Weg selber liegt, den er immer wieder gehen wird, Alles kommt wieder, in dieser scheinbaren Absurditt liegt der "Sinn" seines Lebens...




Nippon Version 2

Ausschnitt aus der "NEW YORK TIMES" vom 27.6.1967, Seite 2 :
Rtselhafter Fund in Nagoya!

Ein Archologenteam unter Leitung des auch im Ausland hochgeschtzten Professor Mifune steht vor einem Mysterium: Bei den Grabungsarbeiten in der Nhe des Dorfes Toyohashi fand man 2 fast lebensgroe Bronzestatuen, die offenbar einen Knig und dessen Gemahlin darstellen sollen.

Das Alter des Fundes ist jedoch auf keinem der herkmmlichen Wege festzustellen. Zudem sind die Statuen laut Professor Mifune keiner uns bekannten Epoche zuzuordnen, was umso seltsamer anmutet, da das schon berhmte knigliche Prchen erstaunlich feine Gesichtszge aufweist und auch sonst in einem hervorragenden Zustand ist. Der Professor deutete ausdrcklich an, da es sich hier um einen absoluten Sonderfall handele, der viel Zeit in Anspruch nehmen wrde. Er wolle sich auf jeden Fall fr einen Platz im Tokioer Nationalmuseum einsetzen.

Ausschnitt aus der "NEW YORK TIMES" vom 27.6.2009, Seite 1
Eine verschwundene Statue findet sich im Hafen wieder!

Tokio. Heute morgen gegen 11 Uhr alarmierte ein Wrter des Nationalmuseums die Polizei: Eine Statue sowie einige kleinere Gegenstnde waren spurlos verschwunden. Es gab nach einer nheren Untersuchung weder Anzeichen fr einen Diebstahl, noch liessen sich sich berhaupt Spuren irgendwelcher Art finden. Polizei und Direktion stehen vor einem Rtsel: Bei der verschwundenen Statue handelt es sich es sich um die Knigsfigur des berhmten "Nagoya-Paares", eines Fundes, der nie genau bestimmt oder eingeordnet werden konnte. Die Bronzestatue ist immerhin ber 900kg schwer und htte nur zwischen 9 und 11 Uhr entwendet werden knnen, da alle 2 stunden ein Rundgang stattfindet. Wie es zum Verschwinden der Statue und der brigen Gegenstnde (Es handelt sich um einen Dolch mit einigen Bekleidungsteilen) kommen konnte, erscheint deshalb immer rtselhafter, wobei sich die Frage nach einem Motiv noch gar nicht einmal stellt. Nicht einmal 2 Stunden nach der Alarmierung traf von der Tokioer Hafenpolizei die Nachricht ein, man habe im Hafengebiet ein Boot sichergestellt, in dem sich nichts anderes als die genannten Gegenstnde befanden!

Es handelte sich um ein Fischerboot, wie es eigentlich nur im Mittelalter benutzt wurde; zur zeit berprfen Experten, ob es ein Neubau sein knnte. Das Boot mu eine weite Strecke ber das offene Meer getrieben sein, und das mit den vllig unversehrten Museumsgegenstnden an Bord! Auer einer leichten Radioaktivitt lie sich nach einer ersten Untersuchung nichts feststellen, was Aufschlsse ber das unbegreifliche 2stndige Verschwinden geben knnte. Der Direktor des Museums ist nach seinen Worten gar nicht an einer Aufklrung interessiert, er verwies auf die mystische Vorgeschichte der NagoyaFunde und hielt eine Untersuchung fr aussichtslos. Wir unterrichten Sie, falls weitere Einzelheiten bekannt werden....

Ausschnitt aus der NEW YORK TIMES vom 11.7.2009, Seite 4
Reinkarnations-Experiment liefert sensationelle Aufschlsse!

Bei einer parapsychologischen Versuchsreihe der Tokioer Universitt kam es zu einem brisanten Protokoll, das einen Aufschlu ber den noch ungeklrten Vorgang im Nationalmuseum zult (Wir berichteten): Eine mnnliche Versuchsperson sagte unter Hypnose aus, er heie Toshiro Tawamure und sei vor 2 Wochen verschwunden. Das darauffolgende Protokoll drfte Anla zu erheblichen Unruhen nicht nur innerhalb der Fachwelt geben, man wollte es sogar zunchst geheimhalten, da mit einer Beunruhigung der Bevlkerung gerechnet wird. Aber hier nun das sensationelle Protokoll des "Toshiro Tawamure":

"Ich ging wie immer recht zielstrebig auf den kleinen Raum zu, den ich so gut kannte, da er mir wie ein Zuhause schien. Das Gefhl, gar nicht einmal zu wissen, was ich hier suchte, war irgendwie ein Genu ganz besonderer Art, verstrkte die Stimmung nur noch, in der ich mich befand, in die ich immer hineingeriet, sobald ich mich dem Museum berhaupt nherte. Alles, was sich auf meinem Weg durch die Gnge befand, erschien mir fast wie ein Vorspiel auf das Folgende. Whrend der letzten Jahre war ich mit Sicherheit empfindlicher geworden, aber in diesem Punkt kam ich einfach nicht weiter. Was sollte ich denn tun? Es zog mich einfach hierher, und das Gefhl danach war so wunderschn - ich war entspannt, gelst, als seien 1000 Jahre vergangen, harte, aber herrliche Jahre. Ich war abhngig vom Anblick der Beiden.

Manchmal war ich jeden zweiten Tag hier, kam aus der grauen Alltagswelt hinein zu den groen Statuen, die mich aufnahmen wie stumme Freunde, sie schienen mich zu begrssen. Stundenlang konnte ich hier verweilen. in ihren Gesichtern lesen. Er war stets so neutral, als sei in ihm alles offen, lge eine groe Zukunft vor ihm. Sie hingegen sieht durch mich hindurch in die Ferne oder die Vergangenheit, als wrde sie sich nach etwas sehnen,was sie einmal war oder sein wird. Ich fragte mich oft, ob die beiden berhaupt zusammengepat haben. Auch an diesen Vormittag brauchte ich den Anblick und die Gemeinschaft mit ihnen. Um diese Zeit ist das ganze Museum meist kaum besucht, ich habe es fast fr mich allein. An diesem Tag fiel mir auf, da eine kleinere, ltere Frau hinter mir herging. Langsam wurde ich unruhig und beeilte mich umsomehr, zu meinem Raum zu kommen. Die innere Anspannung wuchs ins Unertrgliche, als ich um die altbekannte Ecke bog. Dann blieb ich abrupt stehen: Die Statue des Knigs war verschwunden!

Ich konnte es einfach nicht fassen. Sie wartete auf mich wie immer, aber der Platz an ihrer Seite war leer. Der Boden unter meinen Fssen schien zu schwinden, ich sah einen tiefen schwarzen Abgrund unter mir, wollte fallen, schlafen, vergessen. Aber er war weg.

"Du wirst etwas tun mssen." Ich zuckte zusammen: Die kleine, alte Frau von vorhin war lautlos neben mich getreten und schien sich nicht im mindesten ber das Verschwinden des Knigs zu wundern. Ich war noch so verwirrt, da ich nicht antworten konnte. "Du bist ja nicht umsonst so oft hier ... " Sie sah mich aus lchelnden und zugleich wissenden Augen an. Dann aber wurde sie ernst und ich sah, da sie eigentlich ein sehr trauriges Gesicht hatte, als sie auf den Platz deutete, der neben der Knigin ghnte. "Warum bist Du so berrascht? Hast Du es nicht die ganze Zeit schon geahnt?" Langsam hatte ich mich wieder gefat: "Ich wei nicht, woher Sie das alles wissen, oder was Sie von mir wollen. Aber ich glaube, Sie wissen mehr ber diese beiden als .... " - " .... als diese Archologen?", murmelte sie, "Ja, allerdings. Die wissen fast gar nichts ber sie und ihn." Ich wurde neugierig. Was wute sie und woher? "Wie alt sind die beiden?" fragte ich schnell.

Sie zog die dnnen Augenbrauen hoch und winkte ab: "Ooh, sehr, sehr alt. Aber ist das wichtig?" - "Das wei ich nicht. Was ist wichtig?"

Ihre Augen bekamen wieder diesen melancholischen Glanz: "Du kennst die Geschichte noch nicht." Sie drehte sich zur Statue der Knigin um und begann zu erzhlen:

"Seifuku Subarashii Tenno war erst 20 Jahre alt, als er von einem Orakel auf die Suche geschickt wurde. Er sammelte riesige Heerscharen auf seinem Weg, um die Prinzessin Kikori Shiramoto zu finden, wie ihm aufgetragen war. Er strmte die riesige Festung Yosai, von der heute nichts mehr zu finden ist, und ri groe Landstriche an sich. Das halbe Land lag ihm zu Fssen, aber er mute immer weiter, war rastlos und unzufrieden. Man verehrte und frchtete ihn, aber das Volk verstand ihn nicht. Erst als er sich in noch jungen Jahren zum Tenno emporgekmpft hatte, fand er Kikori. Er forderte sie als Frau, die beiden heirateten. Aber er mute schnell feststellen, da nicht sie es war, was er suchte. Seifuku war ratlos, fhlte sich hintergangen, alleingelassen. Kikori merkte es ihm an, aber sie wute ihm nicht zu helfen. Da ihr Mann sie nicht lieben konnte, verfiel sie in eine tiefe Trauer. Wenn Du genau hinsiehst, erkennst Du ihre Traurigkeit heute noch. Seifuku selber kam aus seiner Ratlosigkeit nie wieder heraus und versank in Gleichmut. So wich aus beiden die Lebensfreude wie Wasser aus der Hand. Eines Tages sind sie dann spurlos verschwunden .... "

Sie hatte aufgehrt. Es war absolut ruhig, und ich glaubte, den Geruch einer fernen Welt noch zu riechen. Wir standen noch immer dem leeren Platz gegenber. Er mute ausgefllt werden.

Auf einmal drehte sie sich zu mir um und packte meine Arme. Sie reichte mir kaum bis zu Schulter, aber sie besa eine erstaunliche Kraft.

"Du mut jetzt wieder zurck, Du mut es noch einmal versuchen!" Ihre Augen blitzten auf und fixierten mich mit einer Macht, der ich mich nicht entziehen konnte. Sie wirkten auf einmal merkwrdig tief, wie Brunnen, und ihre feste Stimme klang wie wie aus weiter Ferne: "Du kannst nur dann etwas verndern, wenn Du zurckgehst und es nochmals versuchst. Du warst dem Ziel doch schon so nahe! Du wirst zurckkehren und vergi nie: Alles kommt wieder! .... "

Sie hatte recht. Ich mute es auch fr sie tun, denn nur wenn ich mein Ziel diesmal erreichte, konnte sie frei sein, konnte sie wie ich ausbrechen aus dem ewigen Kreis der Wandlungen. Ich war es ihr schuldig. Jetzt mute ich nur noch in sie hineinfallen, durch ihre Augen einen Weg an alte Ufer finden und von vorne anfangen. Alles kam wieder. Sprache und Bilder aus der vergessenen Welt fielen auf mich zu, als ich durch die Tiefe ihrer Augen hineingesogen wurde in die Landschaft, die ich schon so oft gesehen hatte. Der Raum um mich verschwand, aber ich wute, ich wrde hierher zurckkommen. Jetzt gab es nur noch die Augen der Knigin. 



Nippon Version 3

Kikori Shiramoto wurde zusammen mit dem Tenno gefangen genommen und an einne Ort auerhalb unserer Welt gebracht. Die Bevlkerung in Tsusho-jo war voller Trauer und verschlo alle Tore der Burg, da niemand die Residenz betreten mge. Seit dem Verschwinden der geliebten Prinzessin scheint die Zeit dort stillzustehen, alles ist in Ohnmacht erstarrt .......

Der Einband des dicken Buches wog schwer in seinen Hnden. Es sah aus, als sei es bereits durch Millionen Hnde gegangen, abgegriffen und uralt. Die Seiten waren jedoch in so gutem Zustand, da Toshiro sich fragen mute, ob das Buch nicht doch neueren Ursprungs war. Es sollte ja vorkommen, da gerade solche Bcher bewut auf "alt" gemacht wurden. Sie verkauften sich besser, da das Geschichtsbewutsein zunehmend stieg. Aber trotzdem schlo er diese Mglichkeit aus: In einem so kleinen und alteingesessenen Buchladen ging er davon aus, da es sich hier um keinen Betrug handelte.

Er hielt also wirklich ein Original in den Handen. Vorsichtig schaute er sich um, ob der etwas kauzige Ladenbesitzer etwas dagegen hatte, da er immer wieder hierherkam, nur um in diesem Buch zu lesen. Es war Toshiro langsam selber peinlich, nur wegen dieses Buches den Laden zu betreten. Er hatte es mehr oder weniger durch Zufall entdeckt, denn der Buchladen lag etwas abseits.

Wahrscheinlich hatte er nur irgendetwas gesucht, ohne zu wissen, was. Das kam bei ihm fter vor, und wenn er ehrlich zu sich war, mute er sich eingestehen, da er keinerlei Halt in seinem Leben versprte, eine Orientierung suchte. Momente der Liebe, flchtig, nie fr eine "kleine Ewigkeit" .... der Platz in der Firma, fr den er nie wrde kmpfen mssen. Seine Zukunft: Absolut gesichert und unklarer denn je. Eigentlich wartete er darauf, da eines Tages etwas in sein Leben trat, was ihn dazu bewegte, sich dafr einzusetzen. Vielleicht war es gerade dieses Buch!

Nie hatte er eine solche innere Erregung versprt wie an dem Tag, als er es zumn ersten Mal aufschlug und begann, die Geschichte des Landes Nippon kennenzulernen. Dabei handelte es sich in keiner Weise um ein Geschichtsbuch Japans, sondern es stellte vielmehr eine eigene Geschichte dar, eine Welt in der Welt. Es war auch keine phantastische Erzhlung irgendeiner Art, da es weder Autor noch durchgehende Handlung gab. Nippon war eine Welt, in der es keinerlei Bezug gab zum Japan seiner Zeit. Die ersten Kapitel des Buches wiesen Nippon als eine Welt aus, die die Form einer Scheibe oder einer einfachen Flche mitten im Raum hat. Die Meere flieen in den Abgrund hinein. Es wird sogar darauf hingewiesen, da man dies hervorragend beobachten konnte, und zwar aus dem "Cafe am Rande des Abgrundes" in der Stadt Shin-en. Nippans Lnder und Gebirge wurden von den Gttern errichtet, die auch selber dort leben. Was sollte das fr eine Welt sein, bizarr und unirdisch?

Trotz allem jedoch schien die Sprache identisch zu sein. Toshiro hatte es zunchst tatschlich fr eine groe Erzhlung gehalten. Je weiter er vorstie, desto mehr hielt er das Buch fr eine Art Saga, da keine durchgehende Handlung erkennbar wurde. Wenn es berhaupt jemand geschrieben hatte, so besa dieser auf jeden Fall die Fhigkeit, Toshiro glauben zu machen, da die geschilderten Ereignisse real waren, so unglaublich und unwirklich sie einem Menschen des 20.Jahrhunderts auch vorkommen mute. Das alles verstrkte in Toshiro nur den Eindruck, da es ein echtes Geschichtsbuch war, wenn auch oft unklar und mit vielen Lcken. Aber wie konnte ein Geschichtsbuch existieren, wenn es die Geschichte dazu nicht gab??!

Mit einem resignierenden Seufzer klappte er das Buch zu und stellte es wieder ins Regal zurck. Der Buchhndler beachtete ihn nicht. Toshiro trat auf die Strae hinaus. In Tokio machten die Geschfte bald zu. So ging er nach Hause, immer noch unzufrieden mit seinem Unvermgen, dem Buch auf die Schliche zu kommen. Wahrscheinlich wrde er doch den Handler fragen mssen, woher es kam, denn kaufen konnte er es nicht: Es stand in dem kleinen Regal unverkuflicher Bcher, an denen der Hndler offensichtlich sehr hing. Es hatte einen prachtvollen Einband, war ein herrliches Schmuckstck. Er wrde sich nie davon trennen, Toshiro konnte das nur zu gut verstehen.

Sollte er es stehlen? Oh nein! Er versuchte so weit wie mglich dem Buch zu gehorchen, und Benten, die Gttin, die Nippon erschaffen hatte, war zugleich eine Gttin der Ehrlichkeit. Er wollte sie nicht enttuschen. Sie war die Mutter der Gttin Amaterasu-omi-no-kami, welche die vier Kaiser Nippons ermchtigte, in ihrem Namen zu regieren. Amaterasu wohnt in einer Stadt namens Taiyo-hoka, ganz aus Smaragden gebaut und mit einem prchtigen Garten versehen, in dem die einzigartigen Lichtrosen blhen.

Toshiro hatte smtliche Atlanten gewlzt, die er finden konnte, aber eine Stadt dieses Namens gab es einfach nicht. Eine andere stadt, Atatakami, existierte ebenfalls nur in Nippon: In ihr wohnt nach dem Buch Bentens Gegenspieler Hachiman. Auch er ebenfalls ein Gott, der es allerdings mit der Tugend nicht sehr genau nimmt: Er stahl Bentens Tochter Amaterasu ihr geliebtes Sonnenpferd. berhaupt scheint er sehr habgierig zu sein, denn er kmpfte verbissen 2 Jahrhunderte lang nahe der Sumpfstadt Sawa-byoki um die begehrte Blast-Perle, die vergraben ist. Hachiman mute aufgeben und verfluchte die Insel seiner Niederlage. Sie wird die Verwunschene Insel genannt, und man sagt sich, da Hachiman deshalb verlor, weil er sich zu oft am Mohn der Smpfe berauschte und in schne Trume versank. Sehr menschlich .....

Was Toshiro jedoch am meisten an dieser Welt berraschte, war ihr Aufbau: Benten hatte Nippon geschaffen als ein Plateau mit drei groen Kontinenten und einer Unzahl von Inseln. Im Norden Nippans waren ausgedehnte Schneegebiete und auch Eisflchen um die Inseln am Abgrund herum, wahrend den Sden eine Vulkan- und Lavalandschaft beherrschte. Genau in der Mitte lag der Kontinent der Tropenwalder und Sumpfgebiete. Es war also durchaus eine hnlichkeit zur Erde vorhanden, aber wo bestanden echte Parallelen?

Toshiro war zu Hause angelangt. Er hatte keine Lust, noch irgendetwas mit seinen Freunden zu unternehmen, da sie ihm ohnehin zu nichtssagend waren; ihre Interessen waren von seinen so verschieden, da er von ihnen auch keine Hilfe erwarten konnte. Er wUrde morgen sowieso wieder in den Buchladen gehen, um weiterzulesen. Nach der Arbeit war Toshiro zum Laden geeilt, fand ihn aber verschlossen. Er war malos enttuscht, hatte er sich doch derart auf ein Wiedersehen mit Nippon gefreut, da er etwas frher von der Arbeit weggegangen war. Einem kleinen Schild war zu entnehmen, da der Ladeninhaber sich heute nicht gut fhlte: Wegen Krankheit geschlossen. Aber Toshiro wollte sich nicht damit abfinden, umsonst gekommen zu sein: Er ging um ein paar Huser herum in den Hinterhof und suchte die Rckseite des Ladens. Er wute, da es eine Hintertr gab. Er schaute sich schnell um und hatte Glck: Es war niemand zu sehen und das Hinterfenster war nur angelehnt. Toshiro fate hinein und konnte so die Hintertr aufmachen. Rasch schlpfte er in den Laden und schlo die Tr.

Hier kannte er sich bestens aus, griff zielsicher in das gewisse Regal und holte den Band heraus. Zahllose Stunden hatte er ber dem Buch gesessen, so da er bis zur Mitte vorgedrungen war. Das nchste Kapitel befate sich ausfhrlich mit den Formen der Magie, die in Nippon eine wichtige Rolle spielte. In der stadt Teijnashi auf der Insel der Magie ,die frher einmal den Mittelpunkt der Welt bildete und sich jetzt nur noch langsam bewegt, lebt En-no-gyoya, der Erfinder der Magie. Hier befindet sich auch die Quelle der Magie, die noch nie versiegt ist. Allein En-nogyoya wei, wann dies geschehen wird. Jeder, der ein Zauberer werden will, mu seine Ausbildung bei ihm beginnen. Die Sprche, die man erlernt oder gefunden hat, drfen sie in das Buch von Ki schreiben. Es liegt im Schrein der Magie in Maho-Tori.

ber Nippon verteilt gibt es 10 groe Zaubersprche, die auf Pergamenten geschrieben auf Land versteckt sind. Sie zu finden, bedeutet fr einen Zauberer sehr viel, da sie auer ihrer enormen Wirkung einen erheblichen Ruhm mit sich bringen. Auf seiner Suche nach der endgltigen Weisheit sind die Zauberer jedoch dadurch eingeschrnkt, da das groe Buch der Wahrheit mitten in den Bergen bei Tokoro-chian liegt. Es ist nur durch die Luft zu erreichen und niemand auer Shiru in der Stadt Hi-do kennt die genaue Position. Es bleibt den Zauberern nichts anderes brig, als nach weiteren Zaubersprchen zu suchen.

Der Spruch FEUERBALL, vom Zauberer Anjasio erfunden, vernichtete durch einen gewaltigen Vulkanausbruch die Stadt Yusodaki, was aber nur ein Versehen des Zauberers war, der sich nun voller Scham im Norden versteckt hlt. Der Spruch LEAVE befindet sich angeblich in einem alten Baum, der "Baum des Lebens" genannt wird. Er wird im Kloster Hayagake-do mit seinem Schrein der Wlder verehrt, das in der Nhe des Baumes errichtet wurde. Die Mnche des Klosters gelten als sehr arbeitsam, was wohl auch darauf zurckzufhren ist, da sie kaum mde werden. Es heit, da sie Methoden entwickelt haben, die die Mdigkeit einschrnken. In diesem Kloster lebt auch der Mann, der den Spruch CHARM erfunden hat. Er gilt als das einzige Gegenmittel zum Bannspruch der Hexen des Nordens, der Ubas.

Die Ubas kamen Toshiro bekannt vor. Er blatterte zurck und fand die Stelle. Das Buch war eben sehr verworren. Die Ubas sind die Erfinder des WASSER DES LEBENS, das man fr das hohe Alter der Menschen in Dehi-na verantwortlich macht. Es wird mittels eines komplizierten Verfahrens aus dem Schwarzen Schnee gewonnen, den man auf den Bergen der nrdlichen Inseln am Abgrund finden kann. Der Fhrer der Hexen, Saradana, wurde auf dem Hhepunkt seiner Macht allerdings gekpft. Viele meinen, weil ihm seine Macht zu sehr zu Kopf gestiegen war .... aber seine heiligen Waffen werden immer noch in Samusa-Toshi aufbewahrt, der Stadt, die so nahe am Abgrund liegt, da dort sehr starke tdliche Meeresstrmungen auftreten.

Die Bewohner dort gelten als sehr ngstlich, was wohl nicht nur an den Meerestrmungen liegt: Hier probierten die Zauberer Mifune und Hana-Shi-aite ihren Spruch FEAR aus, der Angst und Schrecken verbreitet. Als sie merkten, was sie angerichtet hatten, vergruben sie ihn, bevor Schlimmeres passieren konnte oder die Dmonen von ihm erfuhren. Durch zwei einsam wachsende Palmen ist das Verborgene Tal gekennzeichnet, in den man den Spruch SPIEGELBILD finden kann. In der Zeit der Kriege von Shatun wurde er von Kriegszauberern entwickelt. Das Buch berichtete an dieser Stelle auch von einigen magischen Gegenstnden, wie dem AMULETT VON HI, welches man brauche, um durch Feuer zu gehen. Es soll im Labyrinth von Ra bei der Stadt Fuyokawa liegen. Dort lebt auch Igaku, der den Ring schuf, mit dem gefahrlos Sumpf berqueren kann. Leider wurde der Ring von den Dmonen der nordischen Eiswste gestohlen, die in ihrer Hauptstadt Yugure verstrkt am aufrsten sind. Viele Menschen haben die Befrchtung, da von dort eine Groinvasion geplant wird. So machte sich ein junger Mann namens Bakamono auf, den Ring zu stehlen. Er versteckte ihn auf einer Felseninsel, doch die Gefahr aus Yugure ist noch lange nicht gebannt. Um die Dmonen aufzuhalten, wurde der Spruch SLOW erfunden, der sich im Nordtal der einst blhenden Handelsstadt Yamabito befindet. Leider wurde der Erfinder von den Ubas verhext, somit kennt niemand die genaue Position.

Im brigen gelten alle Zauberer als recht eigenbrtlerisch, immer darauf bedacht, ihre gesammelten Sprche zu verteidigen. Sie treffen sich hchstens in den wenigen Schulen Nippons, wo sie gewisse Fhigkeiten erwerben knnen: So in Arfni-do, der Schule der Infravision, in der man lernt, Wrme zu sehen. Man trifft sich auch oft in Kokoro-hi, um dort das Kmpfen zu lernen. Die stndig von der Lava bedrohte Stadt bietet zudem eine willkommene Abwechslung durch den seltsamen Vulkan auf der Nachbarinsel. In Mizu-do befindet sich die Schule des Wassers. Die meisten Zauberer interessieren sich fr das Schattenwasser von Shin-en und mssen hier erst einmal schwimmen lernen ..... viele von ihnen ertranken dann auch bei der groen Flutkatastrophe von Chuibukai, der "Wachsamen Festung". Allerdings war dies auch Eigenverschulden , denn sie hatten dem Sonnenschrein von Hinode-tori in ihrer Eitelkeit zu sehr vertraut, der dann versagte. Sein Erbauer, der vllig verbissene Zauberer Bint-si-us, wurde nach Mawarimichi verbannt. Dort treibt er aber weiterhin sein Unwesen, denn seitdem sind alle Bewohner dafr bekannt, da sie krankhaft alles sammeln, was sie bekommen knnen.

Toshiro machte es keine Mhe, all diese Informationen in sich aufzunehmen, ja, je lnger er sich mit dem Buch beschftigte, um so mehr sprte er, wie er es brauchte. Er begann, darin zu leben. Und er hatte wenig Zeit: Bis zum spten Abend mute er das Buch durchgelesen haben, er durfte sich diese Mglichkeit nicht entgehen lassen. Die letzten Kapitel las er noch schnell durch, in denen von einem seltsamen Ort namens Ulti-Tori berichtet wird, den die Zauberer Ishda und Briti-lo errichteten. Amaterasu gefiel dies jedoch gar nicht, und in einem Anfall von Zorn verbannte sie die beiden Anfnger an einen ausgestorbenen Landstrich namens Er-deh und lie Ulti-tori in Vergessenheit versinken. Viele Zauberer sind der Meinung, da sie sich abreagieren mute, nachdem Hachiman ihr Sonnenpferd stahl.

Mit grtem Interesse verfolgte Toshiro das Schicksal der Prinzessin Kikori Shiramoto, die eigentlich die Hauptfigur der Saga war: Sie durchzog das Buch wie ein leuchtender Faden, war nicht mehr wegzudenken aus dem Geschehen. Dabei blieb sie merkwrdig charakterlos, wie eine Statistin, die nun eine Hauptrolle bekommen hat. Um ihr rtselhaftes Verschwinden rankten sich die seltsamsten Gerchte, nahezu alle wichtigen und gelehrten Menschen in Nippon machten sich ffentlich Gedanken ber sie. Vielleicht war sie sehr schn ..... jedenfalls tat der Zauberer Knik-rim alles, ihr Herz zu gewinnen und wollte fr sie den Spiegel der Erde aus dem Fels schneiden, was klglich scheiterte. Im brigen lehnte sie ihn sowieso ab, auch als er ihr anbot, den Stein von Toshi aus Hayashitori zu holen. Aus lauter Kummer verzog er sich nach Kokoro-kazan, um in dem ausgedehnten Hhlensystem der Stadt Vergessen zu finden mit einem betrchtlichen Vorrat aus der Bierbrauerei von Janguru.

Es war Abend geworden. Toshiro schlo das Buch mit einem dumpfen Knall. Er machte sich benommen auf den Heimweg und konnte die Gedanken nicht von Nippon lenken. Noch lange lag er wach. Am nachsten Morgen nahm er all seinen Mut zusammen und fragte den Ladenbesitzer, woher er jenes Buch habe. Dieser fragte etwas mitrauisch, warum er das wissen wolle. Toshiro antwortete wie im Schlaf, da er Kikori finden wolle. Blitzschnell berlegte er: Wollte er das denn wirklich? Ja, es war seine innere berzeugung!
Der Ladenbesitzer aber schien zu verstehen. Und er verwies ihn auf das Nationalmuseum. Mehr knne er ihm auch nicht sagen. So eilte Toshiro ins Nationalmuseum, durchstreifte alle Gnge und Winkel und wute nicht, was er suchen sollte. Bis er vor einem lebensgroen Statuenpaar stand, von denen die Frau genau das Kleid trug, welches Kikori dem Buch zufolge am Tage ihres Verschwindens trug!

Die aus Bronze gegossenen Figuren waren isoliert im Museum, schienen keiner Epoche oder Zeit anzugehren. Er beugte sich zu der kleinen Tafel hinunter, die die Museumsleitung angebracht hatte: Die Statuen waren 1967 bei Ausgrabungen in einem kleinen Dorf bei Toyohashi gefunden worden. Sie waren tatschlich keiner Epoche zuzuordnen, ihr Alter nicht nher bestimmbar. Die Experten waren sich strittig, pldierten jedoch fr eine Aufnahme ins Museum, da die Figuren auerordentlich fein gearbeitet und hervorragend erhalten waren. Offenbar stellen sie ein knigliches Paar dar, jedenfalls deuteten Kleid und Rstung darauf hin. Das Statuenpaar ist eine einsame Ausnahme inmitten der zusammenhngenden Sammlung des Museums, es bekam eine eigene Ecke fr sich.

Toshiro bleib lange fasziniert davor stehen. Er wute: Es muten Kikori und der Tenno sein! Wie kamen sie hier hinein? Wie war es zu erklren, da gerade hier eine Parallele zum Buch bestand? Toshiro konnte sich nicht nicht von Kikori lsen: Sie besa eine merkwrdige Schnheit, die sie dem Betrachter entrckte, als sei sie nicht wirklich hier. Der Tenno dagegen hatte einen ruhigen, neutralen Blick, etwas melancholisch vielleicht. Er trug die einfache, doch kunstvolle Rstung, die er bei seinem Verschwinden getragen haben soll. Aber es wurde immer spter, und Toshiro wollte nicht durch Zusptkommen unntig auffallen. Er mute morgen wiederkommen.

So ging Toshiro gar nicht erst zur Arbeit, sondern schlug sofort den Weg ins Museum ein. Er eilte durch die endlosen Gnge, konnte es nicht erwarten, Kikori zu sehen. Er hatte sich in eine Statue verguckt, wie sollte er nun das echte Mdchen finden? Die letzten Worte des Tenno kurz vor dessen Verschwinden fielen ihm ein: "Es gibt nichts Schlimmeres als den erfllten Traum".

Toshiro hatte die Ecke erreicht. Das Museum war praktisch leer an diesem Morgen, er wrde ungestrt sein. Sie sah aus wie gestern. Was hatte er erwartet? Statuen verndern sich nicht. Aber je lnger er sie anstarrte, desto strker glaubte er so etwas wie eine Stimme zu hren, Wortfetzen, melodisch, aus weiter Ferne. Und der Raum vernderte sich, wurde kleiner. Toshiro sah vor der Statue des Tenno eines kleinen Kreis erscheinen, einen Kreis von durchdringender Schwrze, der bestndig wuchs. Die Stimmen wurden lauter, lockten ihn mit wunderschnen Versprechungen in fremder Sprache. Er kam nher und nher, stand direkt vor dem jetzt schon mannsgroen schwarzen Kreis, er konnte die Statuen dahinter nicht mehr erkennen. Toshiro hatte Angst, und eine Entscheidung wurde von ihm erwartet. Er wollte zu Kikori, und die Stimmen kamen von ihr. Auf einmal war die Entscheidung unendlich leicht, alle Beklemmung fiel von ihm und er ging mutig in den Kreis hinein. Toshiro schritt durch ihn hindurch - und alle Dunkelheit schwand sofort. Aber er stand nicht vor Kikori, er sah eine weite Landschaft vor sich, Hgel, Berge und eine Stadtmauer in der Ferne. Die Sonne war gerade aufgegangen. Seine leichte Rstung strte ihn nicht, als er erste Schritte auf dem Grasboden tat, der Stadt entgegen. Er hatte dies alles schon einmal gesehen. 